Was kostet die Welt?

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Es gibt einen Punkt, den ich bisher selten erwähnt sehe: was kostet denn eigentlich so ein historisches Kostüm?

Die einzige Diskussion, die man immer mal wieder findet, sind Kostümer*innen, die sich darüber auslassen, dass sie jemand bittet, mal eben für 100 € ein komplettes Kostüm oder Cosplay für eine beliebige Person zu schneidern. Tatsächlich ist wohl ganz vielen Menschen der Wert nicht bewusst, der in so einer Arbeit steckt.

Mir geht es hier aber jetzt gar nicht um die Stunden, sondern um den reinen Materialwert.

Wir, die wir historische Gewänder herstellen, wollen wie jeder andere auch am liebsten Schnäppchen machen, wenn wir ein Projekt planen, aber das ergibt sich einfach nicht immer. Deshalb will ich heute mal so ehrlich, wie es mir möglich ist, darstellen, was mich mein letztes Kostüm, mein viktorianisches Kleid 1885, gekostet hat.

Schnittmuster – für drei Schnittmuster (Tournüre, Rock und Oberteil) habe ich bei Nehelenia Patterns 47 € bezahlt. Hätte ich hier sparen können: Wahrscheinlich nicht. Die Schnittmuster sind alle von Truly Victorian, die ihre Schnittmuster nach Original-Kleidern herstellen. Es gibt sicher ähnliche und günstigere Schnittmuster für Kostüme, aber ein bisschen Authentizität wollte ich schon haben.

Korsett – für mein Korsett von Prior Attire habe ich 284,97 € bezahlt. Für ein echtes Korsett nach zeitgenössischen Vorbildern halte ich das für nicht sehr teuer, sondern absolut angemessen, zumal es aus eine kleinen Studio kommt, in dem Izabela ganz alleine in Handarbeit historische Kleidung herstellt. Hätte ich hier sparen können: auf jeden Fall. Ich hätte ein billigeres Korsett von der Stange kaufen können. Die Gefahr, dann aber minderwertigere Ware zu bekommen, die nicht gut sitzt und somit vermutlich sogar unangenehm bis schmerzhaft ist, ist aber hoch. Außerdem hätte ich mir wie bei allem anderen beibringen können, wie Korsette hergestellt werden und es selbst nähen können. Die Materialkosten halten sich dann vermutlich sehr in Grenzen. Aber ich wage keine Vorhersage, wie das Ergebnis ausgesehen hätte…

Sonstige Unterwäsche – ich habe auf Amazon relativ günstig sechs Meter einfache naturfarbene Baumwolle erstanden, die mich 35,94 € zzgl. 4,90 € Versandkosten gekostet  hat. Die sechs Meter habe ich komplett für Unterkleid, Tournüre und Unterrock verwendet. Fünf Meter Stahlband sowie die passenden Endkappen für die Tournüre lagen bei 11 €, zzgl. 6 € Versandkosten (in einem Paket mit den Schnittmustern). Das Schrägband, durch das die Stahlbänder geführt wurden, hatte ich von einem anderen Projekt über, bewerte ich also als kostenlos. Hätte ich hier sparen können: eher nicht, hier bewege ich mich vermutlich bereits am unteren Ende der Preisschiene.

Wildseide – für die unglaublich schöne Wildseide habe ich insgesamt 237,60 € bezahlt, Versandkosten waren inkludiert. Hätte ich hier sparen können: auf jeden Fall. Wenn auch nicht an der Menge – ich habe 12 Meter Stoff bestellt und ca. 11,5 Meter verbraucht – so doch bestimmt am Material. Ich hätte mich beispielsweise für Polyestertaft, wie man ihn für Dirndl verwendet, entscheiden können. Der wäre nur halb, eventuell sogar nur ein Drittel so teuer gewesen. Ich habe mich aber bewusst für die reine Seide entschieden, weil sie wunderschön ist und sich als Naturmaterial viel angenehmer trägt als jede Kunstfaser. Dafür ist sie in der Pflege viel anfälliger, aber was will man machen!

Hut – zwischenzeitlich sind es sogar zwei Hüte, aber einer ist wirklich ein Kostüm-Hut, deshalb führe ich den zweiten auf, der besser zum Gesamtbild passt. Für einen undekorierten Strohhut und eine Hutnadel habe ich bei Nehelenia Patterns 24 € inkl. Versand bezahlt. Dekoriert habe ich den Hut dann mit Stoffresten vom Kleid sowie zwei großen Straußenfedern für 14 € von einem Mittelaltermarkt. Außerdem habe ich für 13,84 € (inkl. Versand) auf Amazon 100 schwarz gefärbte Hühnerfedern gekauft, von denen drei Stück ihren Weg auf den Hut gefunden  haben – macht nochmal 42 Cent. Hätte ich hier sparen können: ich weiß es nicht. Strohhutmodelle zu finden, wie sie mir vorschweben, empfand ich als ziemlich schwierig, mir fehlt also der Vergleich. Ich habe auch keine Vorstellung davon, ob meine Straußenfedern teuer waren… Die Hühnerfedern finde ich günstig. Braucht noch jemand welche? Hätte da 97 Stück abzugeben!

Schuhe – ich träume weiterhin von echten American Duchess Schuhen, aber bis dahin tun es die Stiefel von Maskworld auch. Diese haben mich 69,90 € gekostet. Hätte ich hier sparen können: Kaum. Viktorianische Stiefel zu finden war schon nicht einfach und mit diesen bin ich (trotz seitlichem Reißverschluss) sehr zufrieden und trage sie sogar privat.

Schirm – ein Gimmick, das ich aber wirklich gerne haben wollte ist ein schwarzer Schirm. Auf dem Antikmarkt in Köln hatte ich Glück und habe einen schönen Schirm aus den 50er Jahren gefunden, der zwar natürlich viel zu modern ist, aber einen hübsch dekorierten Griff aus Metall hat und zum ganzen Ensemble wirklich gut aussieht, wie ich finde. Er hat mich 45 € gekostet. Hätte ich hier sparen können: vermutlich, wenn ich handeln nicht so hassen würde.

Ich habe noch grünes Garn und schwarzes Samtband gekauft, kann mich aber nicht erinnern, was ich bezahlt habe, deshalb vernachlässige ich diese Posten hier. Sie waren im Vergleich zum Rest ohnehin verschwindend.

Gesamt: stolze 780,73 €, davon entfallen 342,34 € rein auf das Kleid samt Unterbauten (ohne Korsett).

Diesen Betrag habe ich über vier Monate hinweg ausgegeben, wobei das Korsett im Dezember der erste Posten war. Falls jemand so ein Kleid genäht haben möchte: in diesem Betrag ist noch KEINE EINZIGE ARBEITSSTUNDE! Wie viele Stunden ich mit dem Nähen verbracht habe, kann ich leider nicht sagen, ich wollte das zwar gerne detaillierter aufschreiben, habe es aber einfach vergessen. Da ich aber noch blutige Anfängerin bin, wäre der Wert eh verfälscht, ich nähe vermutlich sehr langsam. Außerdem kam viel reine Handarbeit dazu, die Profis sicher an der Maschine erledigen könnten.

Was man nicht vergessen darf: es geht auch anders. Für meine Blümchen Robe Anglaise habe ich den Stoff für unter 30 € bei Ikea erstanden und habe noch genug über, um ein zweites Kleid daraus zu nähen. Auch für die Anglaise hat mich der Hut nur 1,99 € gekostet, er ist nämlich ein Ikea-Platzdeckchen. Man kann also mehr oder weniger für jedes Budget etwas finden, man muss eventuell nur gut nach den entsprechenden Materialien suchen. Und ebenfalls darf man nicht vergessen, dass so Dinge wie Schuhe, Schirm und Korsett nur einmal angeschafft werden. Diese Dinge kann ich bei einem weiteren Ensemble aus dieser Epoche ja einfach wiederverwenden.

War es mir das alles wert? ABSOLUT!

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Hier ein Bild des gesamten Ensembles samt Hut und Schirm – die Handschuhe sind ein Geschenk gewesen. Mein Dank für das Bild geht an Charlie!

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